SANDRA ZURBUCHEN, STV. GESCHÄFTSLEITERIN VERLÄSST DIE FACHSTELLE UND NACH 15 JAHREN. ZUM ABSCHIED IM INTERVIEW: (Kopie 1)

Sandra Zurbuchen hat sich viele Jahre für die Fachstelle UND mit grossem Fachwissen und Engagement für die Themen Vereinbarkeit und Gleichstellung eingesetzt. Sie hat in dieser Zeit die Entwicklung der Fach­stelle mit ihrem HR-Hintergrund und ihrer Persönlichkeit geprägt. Nun hat sie sich für eine neue berufliche Herausforderung entschieden. Die Geschäftsleitung und das Team danken Sandra für ihren grossen Beitrag zum heutigen Kompetenzzentrum für die Umsetzung von Vereinbarkeit und anderen Lebensinhalten.

Wir wollten von ihr wissen, wie sie die Zeit bei UND erlebt hat, welche Ereignisse ihr besonders in Erinnerung bleiben, welches ihre Erkenntnisse sind und was sie der Fach­stelle UND und unseren Kundinnen und Kunden für die Zukunft wünscht. Lesen Sie hier:
 

Wie bist du in deiner Laufbahn zum Thema "Vereinbarkeit" gekommen und wie zur Fachstelle UND?

Ich hatte gerade meine Stelle als Personalleiterin in einem Spital wegen Bedingungen in Sachen Vereinbarkeit von Beruf und Familie gekündigt, als ich das Stellenangebot einer Bereichsleiterin Unternehmen 60% der Fachstelle UND in der Zeitung las. Ich wollte weiter erwerbstätig bleiben und Familie und Beruf besser vereinbaren. Mein beruflicher Background passte gut zum gewünschten Profil. Ich entschloss, mich zu bewerben. Nicht zuletzt, da ich nun selbst in der Situation war, Beruf und Haus- und Familienarbeit gut unter einen Hut zu bringen.

Nun hast du 15 Jahre deiner Lebenszeit dafür eingesetzt, was waren die Highlights? Was hast du als besonders herausfordernd erlebt?

Die Arbeit war während all den Jahren stets sehr abwechslungsreich und hat mich gefordert. Ich konnte mein Wissen einbringen und gleichzeitig «on the job» laufend erweitern. Insbesondere die Beratung von Frauen und Männern, einzeln oder als Paare hat mir besonders gefallen. Aber auch die unterschiedlichen Unternehmenswelten und -realitäten kennen zu lernen und mit vielen sehr moti­vierten und kompetenten, für die Sache der Vereinbarkeit und der Gleichstellung von Frauen und Männern engagierten Menschen, hat mich beeindruckt und gefreut. Schwierig wurde es manchmal, wenn unsere Ansprechperson im HR oder der/die CEO eines Unter­nehmens wechselte. Da galt es, die neuen StelleninhaberInnen von der Relevanz des Themas erneut zu überzeugen und sie für ein Engagement zu gewinnen.

Im Rückblick - was hat sich verändert?

Mit unserem neuen Modell, das wir 2019 nach einer Revision unseres Kriterienkatalogs eingeführt haben, ist die Fachstelle UND sehr gut aufgestellt, um die Vereinbarkeit von Beruf und den weiteren Lebensinhalten verständlich und systematisch aufzuzeigen und voranzubringen. Gleichzeitig haben sich in den vergangenen Jahren neue Beratungsangebote in den Themenbereichen Diversity, Verein­barkeit, Lohngleichheit und Gleichstellung von Frau und Mann auf dem Markt etabliert. So ist es noch wesentlicher geworden, dass die Fachstelle UND ihren Bekanntheitsgrad steigern und sich als Kompetenz­zentrum positionieren kann, um sich im Markt zu behaupten.

Wieso ist das Thema Vereinbarkeit auch heute noch relevant? Für wen?

Das Thema hat im Laufe der Zeit stetig an Aufmerksamkeit gewonnen. Immer mehr Akteurinnen und Akteure erkennen die Notwendigkeit, dafür zu sorgen, dass die Menschen ihre Erwerbsarbeit gut mit ihren weiteren Lebensbereichen in Einklang bringen können. Insbesondere junge Familien oder Menschen, die Angehörige pflegen, sind darauf angewiesen, dass sowohl auf politischer als auch auf wirtschaftlicher Ebene Massnahmen getroffen werden, die dem gesellschaftlichen Wandel Rechnung tragen. Unternehmen haben ein zentrales Interesse daran, dass ihre Mitarbeitenden Beruf und andere Lebensinhalte gut vereinbaren können.

Welche Themen und Aspekte haben dich am meisten beschäftigt?

Als ich vor 15 Jahren bei der Fachstelle UND angefangen habe, kam es bei potenziellen Kundinnen und Kunden besser an, von Vereinbarkeit von Beruf und Familie und nicht von Gleichstellung von Frau und Mann zu sprechen – obwohl beide Themen eng miteinander verknüpft sind. Das ist erfreulicher­weise heute anders. Wesentlich ist und war auch immer, die Unternehmen dafür zu gewinnen, sich ernsthaft mit dem Thema auseinanderzusetzen, Ressourcen dafür bereit zu stellen, die Ziele und Mass­nahmen in der Unternehmensstrategie aufzunehmen, das Thema im Unternehmen möglichst breit abzustützen und zu verankern und Erreichtes durch ein konsequentes Controlling regelmässig zu über­prüfen und anzupassen.

Weshalb soll sich ein Unternehmen für eine gute Vereinbarkeit seiner Mitarbeitenden einsetzen?

Dafür gibt es viele sehr gute Gründe. In erster Linie trägt Vereinbarkeit zu Gesundheit, Wohlbefinden, Motivation und Leistungsfähigkeit der Mitarbeitenden bei. Damit nimmt das Unter­nehmen in erster Linie seine soziale Verantwortung wahr. Viele Studien ebenso wie die Praxis­erfahrung zeigen, dass dank guter Vereinbarkeit auch die Innovationskraft, das Unternehmensimage – und ganz wichtig die Attraktivität des Unternehmens als Arbeitgeberin gesteigert werden.

Wie soll das ein Unternehmen tun? Was wirkt am besten? Gibt es ein Erfolgsrezept?

Damit ein Unternehmen heute und in Zukunft eine attraktive Arbeitgeberin sein kann, ist es zentral, den Mitarbeitenden eine Stimme zu geben, deren Bedürfnisse für eine gute Life Domain Balance auf­zunehmen. Ebenso braucht es Führungspersonen, welche sich dem Nutzen guter Vereinbarkeit bewusst sind, ein klares Commitment der Geschäftsleitung, welches in der Unternehmensstrategie zum Ausdruck kommt und im Unternehmen kulturell und strukturell verankert ist. Gleichzeitig gilt es, durch geeignete Massnahmen Chancengleichheit zu gewährleisten und allen Mitarbeitenden gleicher­massen Möglichkeiten für berufliches Vorankommen und Anerkennung zu verschaffen.

Die Sicherstellung guter Vereinbarkeit von Beruf und den weiteren Lebensinhalten ebenso wie der Gleichstellung von Frauen und Männern ist ein kontinuierlicher Prozess. Es bedarf insbesondere der dafür notwendigen Ressourcen unter Einbezug aller Beteiligter im Unternehmen. Dabei hat jedes Unternehmen unterschiedliche Rahmenbedingungen und Anspruchsgruppen, auf die es gezielt eingehen sollte. Nebst flexiblen Arbeits(zeit)modellen, einem fairen Lohnsystem und gendergerechter Einstufung von Funktionen, braucht es in allen HR-Prozessen entsprechende Anpassungen, um die gesteckten Ziele einer guten Vereinbarkeit für die Angestellten zu erreichen.

Welches/Welche «Best Practice»-Beispiele sind dir besonders in Erinnerung geblieben?

Es gibt zahlreiche «Best Practice»-Beispiele – angefangen von grossen Unternehmen, die über viele Jahre hin­weg durch die Schaffung einer Fachstelle zahlreiche Massnahmen getroffen haben, bis hin zu KMU, die sehr einfallsreich und kreativ waren, wenn es darum ging, den Bedürfnissen der Mitarbeitenden ent­gegenzukommen. Dabei war jeweils wesentlich für den Erfolg, dass die Unternehmensleitung konse­quent hinter den Bemühungen stand und diese bei Bedarf unterstützte und förderte.

Was kann der Beitrag der Mitarbeitenden sein? Wo sind die Mitarbeitenden gefordert?

Die Mitarbeitenden sind gefordert, ihre eigenen Rollenbilder und -verhalten zu hinterfragen und sich nicht zu scheuen, ihre Bedürfnisse konstruktiv einzubringen, ohne sich von einem «Nein» gleich entmutigen zu lassen. Die Erfahrung zeigt, dass sich im Dialog viele innovative und nachhaltige Lösungen im Interesse aller Beteiligter finden lassen. Gleichzeitig können die Menschen im Unter­nehmen auch in ihrem Leben ausserhalb des Unternehmens für eine faire Aufteilung der Aufgaben z. B. in der Haus- und Familienarbeit sorgen.

Und inwiefern sind Gesellschaft und Politik in der Pflicht?

Hier zeigt sich in den letzten Jahren eine erfreuliche Entwicklung im National- und sogar im Stän­derat. Obwohl es in unserem Land immer noch viele Kräfte gibt, die an alten Gewohnheiten festhalten und sich vor der gesellschaftlichen Entwicklung eher verschliessen. Dennoch könnten Veränderungen rascher geschehen und Anpassungen grosszügiger ausfallen, etwa bei der Altersvorsorge der Frauen, der Entlastung von Alleinerziehenden, der Schaffung von familienfreundlichen bezahlbaren Wohn­räumen, männlichen Vorbildern, die ihre Erwerbsarbeitszeit zugunsten der Haus- und Familienarbeit oder der Angehörigenpflege reduzieren, und, und, und…

Du als Bundesrätin - wo würdest du ansetzen?

Da gibt es einiges, was ich anpacken würde: Entlöhnung von Haus- und Familienarbeit inkl. Angehörigenpflege, Reduktion der Wochenarbeitszeit, Revision und Flexibilisierung der Altersvor­sorge, Dialogförderung zwischen Jung und Alt, fremd und einheimisch, Steuerreform, …. Die Ideen und die Arbeit würden mir so schnell wohl nicht ausgehen.

Du hast einmal in einem Artikel für annabelle gesagt "Dass typische Frauenberufe oftmals schlechter bezahlt sind, trägt oft nicht unwesentlich zur Entscheidung bei, zu Hause zu bleiben. Rollen­bilder müssen sich verändern. Es liegt auch an den Frauen, sich zu solidarisieren, bei Arbeitgebenden bessere Bedingungen einzufordern und dabei hartnäckig für ihre Anliegen einzustehen. Und es liegt am Willen in den Führungsetagen, die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen. Nicht zuletzt braucht es die Bereitschaft der Väter, bei der Familienarbeit substanziell mitanzupacken. Es geht nur gemeinsam – die Fachstelle UND erlebt in der Arbeit mit Paaren und Arbeitgebenden, dass viele auf einem guten Weg sind.» - Was ist denn aus deiner Sicht "ein guter Weg"?

Seine eigenen Rollen(vor)bilder zu hinterfragen und im Dialog mit der Partnerin, dem Partner oder anderen Bezugspersonen einen Weg finden, die verschiedenen Lebensinhalte untereinander fair auf­zuteilen.

«Rollenbilder müssen sich verändern» - daran arbeiten wir und gerade du doch schon so lange. Hast du die Hoffnung noch nicht aufgegeben?

Ich bin sehr guter Dinge was dieses Thema angeht – das Selbstverständnis vieler junger Menschen weist auf eine gleichwertigere Aufgabenteilung hin, die Frauen erscheinen durch die vielen Bemü­hungen in Sachen Gleichstellung ihre Stimme gefunden zu haben und setzen sich hörbar für ihre Anliegen ein. Das Thema Vereinbarkeit ist auf gutem Weg und breit anerkannt in der Gesellschaft – das war nicht immer so. Nun gilt es die konkrete Arbeit zu leisten, um diese weiter voranzutreiben und damit immer mehr «Selbstverständlichkeiten» zu schaffen. Auch da bin ich zuversichtlich.

Du machst nun einen Seitenwechsel und wirst ab November als Co-Leiterin Personal und Kulturentwicklung am Schauspielhaus Zürich eine andere Perspektive auf das Thema einnehmen. Woran wirst du merken, dass die Fachstelle UND auch in 5 Jahren noch erfolgreich als Kompetenzzentrum für eine gelingende Vereinbarkeit von Beruf und anderen Lebensbereichen unter­wegs ist?

Die Fachstelle UND besteht seit bald 25 Jahren und verfügt über einen soliden Grundstock an Erfahrung und Kompetenz in Sachen Vereinbarkeit und Gleichstellung. Die Mitarbeitenden sind motiviert und kompetent, das Thema voranzubringen. Vieles ist bereits erreicht – dennoch braucht es weitere Anstrengungen – da kann die Fachstelle UND einen wesentlichen Beitrag leisten.

Die Fachstelle UND dankt Sandra für Ihr Engagement und die inspirierende Zusammenarbeit. Das Wissen um ihren einzigartigen Beitrag und ihren überzeugten Einsatz für eine gute Vereinbarkeit ist für uns Basis und Ansporn, auch weiterhin das Kompetenzzentrum für gute Vereinbarkeit von Beruf und den anderen Lebensinhalten zu sein. Danke Sandra – wir werden dich vermissen!